Schlagwörter

, , ,

Die junge Mariana Nalo arbeitet in der kleinen Änderungsschneiderei ihrer Tante in Buenos Aires. Sie liebt die verschiedenen Stoffe, Muster, Knöpfe und Bänder. Und sie liebt Gerardo, der aber ohne Sie in die USA gereist ist und von dem sie trotz heftiger Sehnsucht und Erwartungsfreude, abgesehen von 3 Postkarten, seither kein Lebenszeichen bekommen hat.

Eines Tages erscheint Analia Moran in der Änderungsschneiderei, die eine auffällige Ähnlichkeit mit Mariana hat. Sie möchte das wunderschöne und kostbare Hochzeitskleid ihrer Mutter ändern lassen, denn sie ist frisch verliebt in Roberto und wird bald heiraten. Mariana und Analia freunden sich an, und bald stellt sich heraus, dass sie weitere, merkwürdige Gemeinsamkeiten haben.

Barbetta schreibt in einem ganz eigenen Stil. Es sind schöne, geschliffene, aufmerksamkeitserregende Sätze, die manchmal allerdings auch etwas übertrieben und unentspannt wirken. Wie auch die Handlung neigen sie dazu, den Kern der Aussage zu umkreisen, Pirouetten darum zu drehen, dabei vieles ungesagt zu lassen, manches jedoch auch schonungslos im Kern zu treffen. Barbetta konzentriert sich in ihrer Geschichte auf die kleinen Dinge und alltäglichen Wunder, auf Farben, Gerüche, Geschmäcker, Kleinigkeiten und erinnert dabei gelegentlich stark an die wunderbare Welt der Amelie. Barbettas Beschreibungen sind dabei genauso zart und zerbrechlich wie die Schmetterlinge, die Mariana sammelt. So hat mich bereits der Beginn des Buches in seinen Bann gezogen:

Bevor Tante Milagros ein Wort des Abschieds herausbringen kann, hängt sich Mariana den Träger der Stofftasche über die linke Schulter und verlässt die Änderungsschneiderei, indem sie die letzten beiden Treppenstufen auf einmal nimmt.

Auf der Straße ist sie wie ausgewechselt. Von einem dunkel-bestimmbaren Gefühl der Zuversicht beflügelt, tippt sie auf tausendeinhundertfünfzig.  Auf der Gascon Ecke Potosi setzt sie ein, zwei, drei, vier, fünf, an dem Kiosk vorbei, sechs, sieben, sie gibt acht auf das Zählen ihrer Schritte und auf die Zeit, die sie dabei verfliegen lässt. Mariana-Zeitverwalterin macht größere Schritte als gestern und vorgestern, ihre Beine werden länger und länger, während sie die Minuten verkürzt, die sie braucht, um bei Schritt tausendeinhundertfünfzig das Haus in der Castro Barros zwischen Avenida Rivadavia und Don Bosco zu erreichen.

Die Handlung, wenn man das denn überhaupt als solche bezeichnen kann, ist eher weitschweifig. Der Roman breitet sich aus wie ein Puzzlespiel mit ausgefransten Teilen, die sich nicht ganz zusammenfügen lassen möchten. Ehrgeizig ergänzt wird der Text von Bildern, Schnittmustern, Ausschnitten aus Comics, Lehrbüchern, Heiligenbildern.
Im Kern dreht sich der Roman wohl um die unterschiedlichen Lebensplanungen von Männern und Frauen, die schwer zu vereinbaren sind und zwangsläufig Enttäuschungen nach sich ziehen. Während Mariana von X schwer enttäuscht und allein in Buenos Aires zurückgelassen wurde, scheint Analia, die seltsame Doppelgängerin von Mariana, im Gegenteil dazu mit Roberto das große Los gezogen zu haben. Doch wie weit reichen die Ähnlichkeiten der beiden Frauen wirklich, und was für eine Rolle spielt eigentlich Roberto in der ganzen Angelegenheit?

Barbetta entführt den Leser in ein Verwirrspiel von Traum und Wirklichkeit, die schließlich nicht mehr auseinander zu halten sind. Der rote Faden der Realität verknotet sich im Laufe des Romans immer mehr mit den von Mariana gesponnenen Träumen, und das von Mariana so sauber entworfene Schnittmuster ihres Lebensentwurfs scheint der Realität bei der Anprobe überhaupt nicht zu passen.

Die Sprache des Romans hat mir sehr gefallen, denn ich liebe sprachliche Feinheiten und kunstvolle Sätze. Auch der Puzzle-artige Erzählstil kam mir sehr entgegen, denn der Roman lädt sehr dazu ein, jeden Tag gemütliche ein bis zwei Kapitel zu lesen und zu genießen.

Das Problem lag für mich eher an der unglaublichen Offenheit und Unbestimmtheit der Geschichte: alle Interpretationen sind möglich, und so bleiben letztendlich jede Menge losen Enden und Andeutungen übrig, die den sinnsuchenden Leser etwas enttäuscht und verwirrt zurücklassen.

Fazit: bedingt empfehlenswert, vielleicht für Fans von schöner Sprache und magischem Realismus, die sich nicht an postmoderner Offenheit stören…

Maria Cecilia Barbetta – Änderungsschneiderei Los Milagros