Literaturempfehlung: Ray Bradbury – Fahrenheit 451

Heute möchte ich euch mal wieder einen richtig guten Lesestoff ans Herz legen. Oder auch Hörstoff, denn ich selber habe diesem Roman als Hörbuch gelauscht, als besonderes Highlight gelesen von Rufus Beck.

Dieser dystopische Roman handelt in einer unbestimmten Zukunft in Amerika und erzählt von „Feuerwehrmann“ Montag. „Feuerwehrmann“ deswegen in Anführungsstrichen,  weil in der Zeit, in der die Geschichte spielt, Feuerwehrmänner keine Brände mehr löschen. Das war ganz früher mal so – jetzt ist es die Aufgabe der Feuerwehrmänner, Bücher zu verbrennen.

Bücher sind deswegen verboten, weil sie emotionale oder tiefgründige Ideen enthalten könnten, die zum Nachdenken oder zum Empfinden von Emotionen anregen und damit leicht das Glück der Bevölkerung gefährden könnten. Denn tatsächlich ist man ja in dem Zustand am glücklichsten, in dem man am wenigsten über Probleme wie beispielsweise den bedrohlich näher rückenden  Krieg nachdenkt. Deswegen schaut die Bevölkerung am liebsten seichte Sendungen im Fernsehen oder lässt sich rund um die Uhr über Knöpfe im Ohr von Musik oder Werbung einlullen.  Das Ziel einer jeden Familie besteht darin, im Wohnzimmer 4 Fernsehwände zu haben (Montag und seine Frau Mildred bezahlen gerade die 3. Wand ab, die 4. Wand für die vollkommene Rundumbeschallung ist bereits in der Planung). Aggressionen der Bevölkerung werden beim Rasen auf der Autobahn oder durch die Einnahme von Drogen abgebaut.

Nach der letzten, sehr befriedigenden Bücherverbrennungsaktion läuft Montag zufrieden nach Hause. Unterwegs begegnet er seiner Nachbarin, der 17jährigen Clarisse, die anders ist als die anderen – Sie sammelt gerade Herbstlaub, geht spazieren und stellt Montag die sonderbare Frage, ob er denn glücklich sei.
Montag ist zunächst angewidert von dieser Frage und versucht, das merkwürdige Mädchen loszuwerden.  Doch dann geht ihm die Frage nicht mehr aus dem Kopf, und auch der scheinbare Selbstmordversuch seiner Frau durch eine Überdosis Drogen bringt ihn ins Grübeln. Doch es ist nicht so einfach, dieser Frage nachzugehen, denn in seinem Job werden Leute, die Fragen stellen, nicht gerne gesehen…

Dieser dystopische Roman wurde von Bradbury in den 1950er Jahren geschrieben, er thematisiert jedoch nur scheinbar die gesellschaftlichen der McCarthy-Ära. Vielmehr steht im Mittelpunkt des Romans nicht eine Repression der Bürger durch den Staat, sondern eine selbst auferlegte Repression durch die Medien, beziehungsweise durch die Medieninhalte. Dieser Konsum rein unterhaltender, unkritischer und stumpfsinniger Inhalte wird scheinbar von den Bürgern selbst gewünscht. Hier ist besonders eine Stelle im Roman bezeichnend, an der Montag seine Frau fragt, was sie denn heute im Fernsehen gesehen habe. Ihre Antwort lautet, dass sie sich nicht mehr erinnern könne, um was in ihrer Sendung es gegangen sei, aber dass es sehr schön gewesen sei.

Insofern unterscheidet er sich durchaus von anderen dystopischen Romanen, die ebenfalls in dieser Zeit entstanden, wie beispielsweise George Orwells 1984, in denen die Repression durch einen übermächtigen Staatsapparat erfolgen. Und genau dieser Punkt macht den Roman höchstaktuell. Denn während heutzutage übermächtige Staatsapparate wie beispielsweise das sowjetische System nicht mehr ganz so akut bedrohlich erscheinen, ist zunehmend eine freiwillige Einschränkung der Bürger zu beobachten.

Der Roman regt dazu an, die eigene Gesellschaft und den Umgang mit den Medien mal wieder kritisch unter die Lupe zu nehmen. Es ist ja nicht so, dass wir heute nicht die Möglichkeit haben, an weitgehend unzensierte Informationen zu kommen. Aber trotzdem scheint mir, dass wir uns freiwillig immer mehr von diesen Möglichkeiten abwenden, um uns stattdessen jeden Abend mit den auf allen Privatsendern angebotenen, stumpfsinnigen Unterhaltungsformaten im Fernsehen zuzudröhnen.

Man mag einwenden, dass das schon immer so gewesen ist, dass die Menschen schon immer gern unterhalten werden wollten. Das mag ja sein, und ich möchte mich hier natürlich auch nicht ausnehmen, auch ich lese gerne Romane oder schaue mir gelegentlich einen Film an.

Das Problem ist nur, dass in unseren Medien eine Relevanzverschiebung stattgefunden hat. Uns wird stetig eingetrichtert, dass die diversen Unterhaltungsformate viel relevanter für uns sind als reale Probleme. Gaukeln uns nicht die Medien, auch die öffentlich-rechtlichen Sender, tagtäglich vor, dass sogenannte Events wie der Papstbesuch oder eine Fussball-WM viel wichtiger sind als beispielsweise ein Krieg in Libyen, eine anstehende Erhöhung der Krankenkassengebühren oder die zügig voranschreitende Zerstörung der Umwelt? Und lassen wir uns nicht auch gerne von diesen Problemen ablenken?

Das einzige Problem dabei ist, dass solche Schwierigkeiten durchs Wegschauen nicht einfach verschwinden. Und deshalb ist es wichtig, dass zumindest manche sich nicht völlig einlullen lassen, sondern weiterhin mitdenken. Und zum Beispiel wählen gehen. Oder demonstrieren. Oder sich auf sonstige Weise engagieren. Leute, die sich selbstständiges Denken nicht verbieten lassen. Denn sonst würden wir sicherlich irgendwann in einer ganz ähnlichen Welt wie in Bradburys Roman landen.